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1:11 Uhr am Hauptbahnhof

  • rosaholmer
  • 25. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Feb.


Unterwegs auf den Leipziger Straßen mit Nachtbusfahrer Nils Baatzsch-Kammler.


Dunkelheit greift um sich und bekämpft den milden Schein der Straßenlaternen, wenn Nils Baatzsch-Kammler im Winter zur Arbeit fährt. Keine aufsteigende Sonne über dem Leipziger Osten, die das grau aus den Gesichtern der frisch Erwachten vertreibt, kein lärmender Berufsverkehr – stattdessen die immergleichen Rituale der Menschen, die ihren Tag ausklingen lassen. Was sie nicht wissen: Einige von Ihnen wird er während seiner Schicht wiedertreffen. Sie sind der Grund, weshalb Baatzsch-Kammler seinen Beruf so liebt. Der 29-jährige lebt seinen Traum, er fährt Bus. Seit drei Jahren arbeitet er für die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB), seit einem Jahr fährt er Nightliner, die 13 Nachtbuslinien der LVB.


„Fiebertraum Nachtbus“


Nachtbus. Ein Wort das auch in den Köpfen der Leipziger Studierenden ein Assoziationskarussell anstößt. Erinnerungen an wilde Zeiten, halb gegessene MacDonald‘s Cheeseburger auf matschig-grauem Busboden und unfreiwillige Sightseeingtours zum Paunsdorfer Straßenbahnhof flattern durch die Köpfe. Mit funkelnden Augen berichten manche von Bussen, die durch die Nacht rasen, die vor den Haltestellen noch einmal extra auf das Gaspedal drücken. Sie berichten von Fahrer*innen, die ihren Gästen vieles durchgehen lassen. Zu viel, findet Anne (21), Studentin an der Universität Leipzig. Gleich zweimal ist sie im Nachtbus von „Männern, die kein Nein kennen“ belästigt worden. „Vom Busfahrer kam da nie etwas.“ Es scheint fast als seien die Fahrzeuge, die Baatzsch-Kammler und seine Kolleg*innen durch die Straßen steuern, nicht die Fahrzeuge aus den Geschichten.


Die Schicht hat schon vor Stunden angefangen. Um 0:55 Uhr verlässt Baatzsch-Kammler nach seiner Pause den Parkplatz des Bushof Lindenau mit der N2, Wagennummer 14241. Zehn holprige Minuten später erreicht er den Leipziger Hauptbahnhof. Ohne Menschen erscheint das Summen, Klicken, Rattern und Brummen des Busses noch lauter. Jedes Fahrzeug produziert eine ganz eigene charakteristische Tonspur, erklärt er. Am Hauptbahnhof versammeln sich immer zur Schnapszeit um 1:11 Uhr, 2:22 Uhr und 3:33 Uhr sämtliche Nachtbuslinien.


Kollegialität und Kameradschaft auf der Straße



Hörensagen über die Leipziger Nightliner gibt es viel. Nils Baatzsch-Kammler erzählt, warum Busfahren sein Traumjob ist.
Hörensagen über die Leipziger Nightliner gibt es viel. Nils Baatzsch-Kammler erzählt, warum Busfahren sein Traumjob ist.

Die Fahrer*innen steigen aus, quatschen und warten gemeinsam auf ihre Gäste. Darunter sind auch viele Kolleg*innen. Sie genießen es nach getaner Arbeit auf dem Heimweg noch etwas zu plaudern, herumzualbern oder entspannt hinten im Bus zu dösen. Unterwegs zur Endhaltestelle Schkeuditzer Straße in Markranstädt trifft die N2 heute auf einen weiteren Nachtbus. Die Fahrer*innen schalten kurz das Licht in ihrer Kabine an, um sich gegenseitig zu grüßen. Auf den ersten Blick eine kleine Geste, doch Baatzsch-Kammler bestätigt, unter dem von ihm liebevoll als etwas verrückt aufgezogenem Nightliner-Team habe er echte Freunde gefunden.


Wer für die LVB als Busfahrer*in arbeiten möchte, muss kommunikativ und offen sein. Das steht unter den Bewerbungskriterien auf ihrer Website. Und das ist auch für Baatzsch-Kammler der wichtigste Teil seines Jobs. Er möchte alle sicher ans Ziel bringen. Die substanzbeeinflussten Partygäste der Wochenenden, genauso wie die verschlafenen Schichtarbeiter*innen, mit Schultern wie ein Schutzwall gegen die Kälte hochgezogen. Spät ankommende Reisende genauso wie Menschen, die wohnungslos sind und, in den blau bezogenen Sitzen versinkend, etwas Wärme tanken. Dabei betont er, wie wichtig es sei, zur Vorbeugung von medizinischen Notfällen, Vandalismus und sexueller Belästigung den Fahrzeuginnenraum jederzeit über Spiegel und Kamera gut im Blick zu behalten, um gegebenenfalls einschreiten zu können. Zu Belästigungen hat er eine klare Meinung: „Ich sage, dass er das zu unterlassen hat, sonst fliegt er raus. Punkt.“ Denn nicht immer sei es so ruhig wie heute Nacht auf der Strecke nach Markranstädt. Im Bus hängt die Stille zwischen den Sitzen wie eine unausgesprochene Vereinbarung.  Mehr als acht Gäste gleichzeitig steigen diese Nacht nicht ein und reden tut keiner.


Wunschstopp Haustür


Baatzsch-Kammlers Bitte an die Fahrgäste: ,,Wenn ihr ein Problem habt oder ein Anliegen, kommt bitte zum Fahrer.“ Auf Wunsch halten die Nachtbusse auch zwischen den Haltestellen, um die Mitfahrenden näher ans Ziel zu bringen, und falls ein Bus doch einmal zu spät ist, können die Fahrer*innen anfragen, ob Anschlüsse warten. Diese Erfahrung haben auch Natalie (23) und Jakob (24) gesammelt. Auf einer skurrilen Heimfahrt sind sie die einzigen Fahrgäste im Bus – und verquatschen sich mit den beiden Busfahrern, während diese sie bis zu ihrer Haustür fahren. Die beiden berichten ihnen anekdotenreich von ihrem oft geruhsamen, manchmal langweiligen Arbeitsalltag. Erzählungen gespickt mit gelegentlichen Momenten des krassen Kontrastes, Fahrten ohne Gäste und Fahrten mit Menschenmassen, lauter Musik und verschwitzten Körpern im Geruch von alten Zigaretten und Bier. Diese Abende sind es, an die sich ihre Fahrgäste erinnern. Diese Abende liefern das Material, aus denen die Geschichten um den teilweise realen Mythos Nachtbus gemacht sind.


Marvin, ebenfalls Student in Leipzig, erinnert sich an eine besondere Nacht der Kameradschaft, in der der Bus plötzlich zum Stehen kommt. Die Straße, eine fehlgeleitete Umleitung, ist schlicht zu eng, die Fahrerin verzweifelt. Mit den Navigationszurufen der Gäste schafft sie es rückwärts, das große Fahrzeug aus der nervenaufreibenden Situation zu steuern.


Sicherheit hat oberste Priorität


Ein Uhr, zwei Uhr, drei Uhr – die Fenster der Häuserschluchten zu beiden Seiten der N2 sind längst nicht mehr erleuchtet, die allermeisten lange schon im Bett. Baatzsch-Kammler wirkt auch kurz vor Schichtende noch fit. Er sei ein Nachtmensch und zusätzlich sorge die Routine dafür, dass der Körper sich anpasse. Nachts konzentriert zu bleiben ist für ihn schon lange kein Problem mehr. Bus fahren heißt auch Verantwortung tragen, es heißt Auseinandersetzungen mit alkoholisierten Menschen und ununterbrochene Konzentration auf den Verkehr außerhalb und die Menschen innerhalb des Fahrzeugs.



Am Donnerstag um 3.15 Uhr sind Busse und Straßen menschenleer.
Am Donnerstag um 3.15 Uhr sind Busse und Straßen menschenleer.

Fahrgastsicherheit, Eco-Training und der Umgang und die Prävention von Notfällen, das sind Themen, die auch die jährlich stattfindenden EU-Schulungen thematisieren. Sie sind obligatorisch für alle Berufskraftfahrer, um ihre gewerbliche Erlaubnis zu behalten. Zusätzlich kann Baatzsch-Kammler sich darauf verlassen, dass ihm bei Auslösen des Stillen Notrufs rund um die Uhr geschulte Kolleg*innen zur Seite stehen. Der kleine, unauffällige Fußtaster verbindet ihn direkt mit der Bus-Leitstelle, dem koordinierenden Knotenpunkt, dem Gehirn des Leipziger Busverkehrs. Benutzt hat er ihn noch nicht. „Dass sich welche geprügelt haben im Bus oder dass ich attackiert wurde, das kam zum Glück noch nie vor“, stellt Baatzsch-Kammler mit einem Lächeln klar.


(K)ein Job wie jeder andere


Baatzsch-Kammler lächelt viel. Er mag seinen Job, möchte auch in Zukunft bei den LVB bleiben. Gleichzeitig diskutieren Presse und Politik die schlechten Arbeitsbedingungen und den sich verschärfenden Personalmangel im Sektor ÖPNV. Von unbezahlten Arbeitsstunden, zu kurzen Mindestruhezeiten und hohen Krankständen berichtete jüngst eine Studie im Auftrag der Gewerkschaft Verdi und des Bündnisses Klima-Allianz Deutschland. Auch Baatzsch-Kammler ist bei Verdi organisiert. Die Arbeitsbedingungen bei den LVB empfinde er grundsätzlich als fair. Er könne sich seine Schichten selbst aussuchen, an regelmäßigen Fortbildungen teilnehmen und erhalte zwischen 20 Uhr und 6 Uhr einen Nachtzuschlag von 35 Prozent.


Heute Nacht hat die N2 eine Wendezeit von ungefähr 40 Minuten in Markranstädt, bevor sie sich auf den Rückweg zum Hauptbahnhof macht. Wendezeit heißt warten, heißt ,,unproduktiv“ sein – und trotzdem durchbezahlt werden, wie Baatzsch-Kammler berichtet. Viel mehr als die guten Rahmenbedingungen aber, genieße er die leeren Straßen, die geheimnisvolle Stimmung nachts, den Umgang mit verschlafenen Gästen und sympathischen Kolleg*innen. Als Kind habe er vom Busfahren geträumt. Heute ist er hier.


Stunden später, wenn Baatzsch-Kammler sich auf den Weg nach Hause macht, um den Tag zu beenden und mit seinen beiden Cockerspaniels vor dem Schlafengehen noch eine kleine Runde durch den Clara-Zetkin-Park zu drehen, da ist es auch dunkel – immer noch. Ein ganz normaler Arbeitstag, oder besser Arbeitsnacht, wendet sich für ihn dem Ende zu. Mit den adrenalingeladenen Erzählungen der Studierenden hatte diese Nacht wenig gemein. Die Parallelität der Realität von Fahrgast und Fahrer*in, das Wechselspiel von Herausforderung und ruhiger Routine prägen diesen Beruf, der aus der Infrastruktur der Städte nicht wegzudenken ist. Nur eins wünscht sich Baatzsch-Kammler: Mehr Kommunikation mit den Mitfahrenden – und vielleicht Kotztütenspender, wie sie standartmäßig in Flugzeugen montiert werden. Für die Nächte, die noch lange in Erinnerung bleiben.

 
 
 

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