Verstummt.
- rosaholmer
- 25. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Feb.

Mit einem kaum hörbaren sirrenden Rattern und leisem Klackern beginnt sich die Rolle in dem 16mm Film-Projektor zu drehen. Schemenhaft tanzende Buchstaben flackern über die Leinwand: „Tarzan of the Apes“ lässt die Publikumsreihen des mobilen Stummfilm-Kinos verstummen und erwartungsvolle Spannung auf der grünen Hügelkuppe im Clara-Park wachsen. Es ist eine eigene Welt voller kindlicher Spannung, Nostalgie und einem kleinen selbstgefälligen Kitzeln von intellektuellem Stolz. Neben der Leinwand steht ein Mann in khakifarbenem Zweiteiler und farblich abgestimmtem Safari-Hut. Er legt den Kopf in den Nacken und ein markerschütterndes ,,Aiaiaiaaa“ läutet den Beginn eines Abends ein, der als Tarzan-Stummfilmerlebnis beginnt und innerhalb der folgenden Minuten schnell zu einer Probe von Gewissen, Courage und Werten entwächst. Auf der Leinwand flackert ein Potpourri der -ismen: Rassismus, Sexismus, Kolonialismus, Chauvinismus – die Geschichte um den weißen blaublütigen Tarzan, der im Dschungel unter Affen aufwächst. Um Tarzan, den weißen Retter, um Tarzan, der sich erst verliebt, als eine weiße Frau vor ihm steht, und Jane, die in ihrer konstanten Hilflosigkeit die Evolution des Homo infrage stellt. An diesem Abend lassen alle ihren woken Alltag hinter sich: Statt kritisch einzuordnen, animiert Safari-Hut zum Mitjodeln. Der imaginäre Speer wird gemeinsam mit den Krieger*innen erhoben und in den Pausen um Gelee-Bananen gewettet. Was ist an diesem Abend mitten in Leipzig passiert? Tagtäglich werden wir gefüttert mit diskriminierenden Inhalten, „geschmacklosen“ Witzen und stereotypen Rollenbildern. Sie asphaltieren die Autobahn Richtung Belohnung, die unserem Gehirn durch kognitiv leicht zu verarbeitende Inhalte geboten wird und dem Entsetzen über menschenverachtende Inhalte die angemessene Spitze nimmt. Sich im Kontext dieser Dynamik und in der Sicherheit einer Gruppe gegenseitig zu legitimieren, ist einfach. Aber bevor wir mitlachen, bevor wir mittanzen, mitlaufen, mitmachen, dürfen wir niemals vergessen: Verantwortung für diskriminierendes Verhalten ist nicht teilbar. Sie verliert nicht an Gewicht, wenn wir sie gemeinsam tragen. Verantwortung kennt kein „mit“.






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